Generative Themen sind bei Paulo Freire die Themen der Teilnehmenden, an denen sie selbst am höchsten motiviert sind und dadurch am besten lernen können.

In den Widerspruch gerät dies allerdings für die Vermittlung methodischen Arbeitens, wenn die Betroffenheit zu groß wird und die Lösung des Konfliktes so weit in den Vordergrund tritt, dass der Blick für die Schritte des Vorgehens verschwimmt.

Bei den Forum-Szenen lösen wir diese Spannung, in dem die Spielenden die Szene der Regie abnehmen und im Kontakt mit dem Publikum entsteht eine dritte Ebene: Andere entwickeln Verständnis für meine Lage und reagieren mit ihrer Interpretation darauf.

Arbeit am Tabu, eine Faustregel für die verschwiegenen Themen unserer Gesellschaft und Kulturen
Themen der Scham und Grenzverletzungen behandeln: Ruhe schaffen und aufmerksame Teilnahme

Gute Aufstellungen stammen aus der Familientherapie: http://home.arcor.de/Letsch/ewnforum.htm
sie sind kein fauler Zauber und brauchen keine diktatorische oder missionarische Bewertung

Annäherung an Tabus

Wenn die TeilnehmerInnen Statuen zum Thema Unterdrückung gestalten, ist ein Teil der Bilder sehr deutlich: offene Gewalt, Polizei, Terror. Die feinere Seite der Unterdrückung bleibt oft undeutlich - verwischt: Familienszenen, Schule, Kirche, Arbeit. Nicht nur, weil diese Unterdrückungserfahrungen gleichzeitig mit positiven Anteilen besetzt sind (im Beispiel der Elternliebe etwa: Gefordert-Sein, Glaube, Anerkennung), sondern auch, weil es nicht erlaubt scheint, naher an diese Themen zu gehen. Ein vom Vater sexuell belästigtes Mädchen kann nicht einfach davon erzählen ... Es ist ein Herausbrechen von kontroversen Gefühlen, Vaterliebe und Abneigung, die zu Selbsthaß in der eigenen Sexualität verdreht wird. Mit der Zeit habe ich versucht, die tabuisierten Themen zu systematisieren. Dabei kam ich zu einer Handvoll wichtiger Bereiche, aus der ich eine "Faust-"Regel der Unterdrückung ableitete:
Daumen: Sexualität. Wir haben kaum schöne Sprache dazu, kaum Worte, keine Lernorte (Familie?). Der beste Mißbrauch des Menschen: erotisch anheizen und dann frustrieren: setztsehr viel aggressive, selbstzerstörerische Energie frei (die Funktionsweise des Militärs), abgegrenzte Homoerotik in Männerbünden, Kirchen, Feuerwehr, Fußball ... und entsprechend in Frauenkreisen? Würden sich sexuell zufriedene Menschen zu so viel Unsinn (und Unsinnlichkeit) in Selbstzerstörung und Konsum mißbrauchen lassen?
Zeigefinger: Geld. Darüber spricht man nicht, Geld hat man. Geld verdirbt die Freundschaft, unser Umgang damit wird fast nie thematisiert. Privat. Bankgeheimnis. Wieviel wir erben, zu welcher Finanzklasse wir gehören. Schon das Wort Kapitalismus war vor seinem endgültigen Sieg nicht zu benutzen: Sofort war man als Kommunist verdächtig. Es heißt "freie Marktwirtschaft". Diskrete Honorarverhandlungen runden meine Arbeit ab.
Mittelfinger: Sinn des Lebens, Religion. Entweder im konfessionellen Fertigpack (Taufe, Einweihung, Hochzeit, Beerdigung) in den Ausgaben ev./kath./Isl./jüd./ ... oder in der mühsameren Do-it-your-self-Methode a-theistischer Sinnmodelle der Menschheit bis zum immer wieder aktuellen Absurden. Die Worte dazu sind durch Pfarrer belegt und verdorben; es gibt kaum Gesprächsorte außer der Telefonseelsorge, oder wo philosophieren Menschen miteinander ausser in Primitiv-Versionen am Biertisch?
Ringfinger: Krankheit und Tod. Wenn die letzten Fragen gestellt werden: Betroffenheit, Lähmung, wenn jemand von eigenem Krebs, Aids, HiV, Leukämie erzählt; die erschreckende Aura des Selbstmordes, die Jämmerlichkeit unserer Trauer und ihre lächerlichen Formen zwischen Nachricht, Beileid und Beerdigung. Spießerpomp und Trostgefasel. Das Wort "Trauerarbeit" im Munde aller gefühlsfreien Menschen; unser Selbstmitleid als heiligste Gemütsbewegung. Selten schön ein guter Abschied.
Kleiner Finger: Anders sein als andere und nicht dazugehören, Ausländer, arm, schwul, lesbisch, behindert, Frau im Mönnerbereich und umgekehrt, nicht leistungsfähig, unsicher. Punkte, in denen wir stillschweigend die Unterordnung erkennen, uns für minder halten.
Gemeinsame Eigenschaften aller Tabus: Es fehlt die Sprache, sie wirklich treffend anzupacken; gleichzeitig liegt eine Geschwätzigkeit der Ablenkung darüber. Paulo Freire verwendet die Begriffe "Mythos" und Kultur des Schweigens": Wir haben immer gute Gründe, nicht darüber zu reden. Wenn wir es trotzdem wollen, geht es nicht: Wir kommen vom Thema ab, werden unruhig, müssen rauchen,... Wenn wir plötzlich müde werden, gähnen, Kopfschmerzen bekommen, wenn wir auf einmal wirklich nicht mehr wissen, was wir gerade wollten: dann haben sie gut gearbeitet, unsere Polizisten im Kopf