Fritz Letsch, Theater Gestalt Pädagogik Moderation
Emanzipatorische Methoden in der politischen Bildung
Bewußtseinsbildung in der Theaterarbeit
Auszug aus dem Buch "Befreiung und Menschlichkeit, Texte zu Paulo Freire", Hrsg. von Heinz Schulze bei der AG SPAK München
Mit dem Theater der Unterdrückten hat Augusto Boal eine Methodenreihe nach Europa gebracht, die vor seinem Exil in politischer Theaterarbeit und in der Alfabetisierung entstanden und angewandt worden war. Seine Seminare, vor allem in der SchauspielerInnen-Fortbildung, aber auch mit offenen Interessiertengruppen organisiert, vermitteln neben den Methoden auch den Kontext der südamerikanischen Herkunft und ihrer politischen Heimat.
Schon das Wort 'Unterdrückung' teilt in der Anwendung in Europa die Reaktionen in Interesse oder schnelle Ablehnung. Gymnasialdirektoren und Institutsleiter wittern schon Agitation oder Probleme mit Vorgesetzten, wenn allein der Titel im Programm auftaucht. Andererseits hat sich inzwischen eine breite 'Welt-Arbeits-Ebene' zwischen Kirchen und Parteien aufgebaut, die diese Worte sofort mit der eigenen Arbeit verbindet und das Theater der Unterdrückten in die eigene Methodik aufnimmt.
Ein weiterer Aufwind für die Verbreitung der Methoden, Theater zu den eigenen Themen selbst zu entwickeln, liegt in der Bereitschaft, vor allem in der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung neue musische Formen aufzunehmen. Auf diesem Weg geraten Bewußtseinsbildung und emanzipatorische Pädagogik durch die Hintertür in die weitgehend unreflektierten autoritären Strukturen und erweisen sich als Sprengstoff.
Aber auch die grundsätzliche Arbeitsweise erscheint vielen Veranstaltern fremd, aber interessant: Mit Körperarbeit einzusteigen, die Befindlichkeit, den Ausdruck und die Gestaltungsfreude anzusprechen und davon ausgehend die Themen vom Persönlichen im Politischen zu verankern, erscheint manchmal als zu hoher Anspruch, läßt sich aber als Arbeitsrichtung sicher definieren.
In dieser Arbeitsrichtung liegt auch der wichtigste Unterschied zu ähnlichen Ansätzen wie Psychodrama und entsprechender Überformungen wie z.B. Bibliodrama, die von einem gemeinsamen Thema in die Tiefen der Person gehen, statt die gesellschaftliche Dimension in den Blick zu nehmen.
Auch TeilnehmerInnen, die keine Vorerfahrungen mit Theaterarbeit haben, sind anfangs vielleicht irritiert:
Von der Anfangsrunde:
Im Stehen von Fußsohle bis Scheitel den eigenen Körper, seine Beweglichkeit und seine Ausdrucksmittel wahrnehmen,
in Partnerübungen so miteinander vertraut werden, daß ein selbstverständlicher Umgang miteinander bis zum STATUENTHEATER führen kann...
... bis zur Darstellung eigener Anteile von Druck und Unterdrückung in den Statuenbildern der Teilnehmenden zum jeweiligen Thema geht es sehr schnell in die persönlich empfundenen generativen Themen, die aber auch gemeinsame Erfahrung sind.
Diese Bilder lassen sich mit verschiedenen Umgangsweisen verschärfen und vertiefen: In mehreren Folgebildern, in Gegenbildern, in Veränderungsversuchen, mit assoziierten Aussagen oder gesprochenen Gedanken. Dabei steht immer die Suche nach genauerem Verständnis der Szene und den Hintergründen eines Vorganges im Mittelpunkt.
Beim FORUMTHEATER werden dann die Statuen um eigene Texte erweitert, um eine Situation dann auch bewegt auf die Bühne zu stellen. Eine Situation von Unterdrückung wird dem Publikum so vorgestellt, daß eine möglichst klare Beziehung zwischen 'Opfer' und 'Täter' entsteht. Das Publikum erhält durch einen Spielleiter oder Joker die Möglichkeit, in die Rolle des Opfers zu gehen und sie zu verändern. Den Unterdrücker auszutauschen hieße, die Situation künstlich zu entschärfen oder aufzuladen, sehr oft wird auch eine Retterfigur aus dem Publikum vorgeschlagen, die aber eine Emanzipation, eine eigene Befreiung des Opfers eher verhindern würde.
Mit dieser Methode können vom Joker verschiedene Reaktionsmöglichkeiten erprobt werden, bis das Publikum das Gefühl hat, das Thema bewältigt zu haben. Falls ein Eingreifen nicht möglich erscheint, muß vielleicht der Rahmen der Szene verändert werden: in Bild vorher, eine Unterteilung in mehrere Bilder, ein Folgebild. Manchmal hilft auch eine Ritualisierung, ein Ablauf in Zeitlupe oder mit Zeitraffer, oder die Heraushebung bestimmender Symbole und Verhaltensweisen.
Nachdem ein Thema mit dieser Arbeitsweise erschlossen ist, kann es mit anderen Methoden in dramatische Form für ein weiteres Publikum gebracht werden. Bauerntheater und Volkstheater sind alte Mittel dazu, Modell Lindenstraße eine Neuentwicklung; unsichtbares Theater ist mir vor allem eine Möglichkeit, die Wahrnehmung der SchauspielerInnen an einem ahnungslosen Publikum zu überprüfen.
Im Überblick der schwierigsten Themen der letzten Jahre habe ich einen TABUKATALOG zusammengestellt, eine Faustregel für Unterdrückung und ein Wegweiser zur Kultur des Schweigens:
Der Daumen steht bei den Handlinien für das Ich, in meiner Faustregel für die Sexualität. Keine Lernorte, keine angenehme Sprache, aber gezielte Vermarktung und massive Personenzerstörung durch Anreizung, Moral und Schuldgefühle sind die deutlichsten Anzeichen.
Der Zeigefinger wird für das Du benutzt, in meiner Faustregel für das Thema Geld, das unsere Beziehungen bestimmt. Von den Sprüchen "Geld verdirbt die Freundschaft" und "Über Geld spricht man nicht, Geld hat man" bis zur Frage nach Reichtums- und Klassenunterschieden und das geistige Verbot des Wortes 'Kapitalismus' ist es von Geheimniskrämerei umgeben und könnte unsere Beziehungen sehr gut offenlegen.
Der Mittelfinger ist dem Thema Religion oder auch dem Sinn des Lebens zugeordnet. Entweder das Fertigpack einer Konfession, oder die Do-it-yourself-Version von Atheismus und Freidenkern; Taufe, Initiation, Hochzeitsritus und Begräbnis inbegriffen oder nicht... ein offenes Gespräch jenseits der Vokabeln der Pfarrer ist kaum möglich.
Der Ringfinger ist den längerfristigen Beziehungen zugeordnet, in meiner Arbeit den Themen Krankheit, Tod, Abschied, also den Störungen dabei. Vor allem die Trauer, die Zulässigkeit tiefer Gefühle und ihr gesellschaftlicher Ausdruck sind so behindert, daß Beerdigungen und Abschiede sehr oft in peinlichen Formalismen steckenbleiben.
Der kleine Finger übernimmt die restlichen Themen von abweichendem Verhalten: Anders sein. Lesbisch oder schwul, behindert oder farbig, andersgläubig oder für eine Gesellschaft unpassend, alle Außenseiter wie auch Berühmtheiten, inbegriffen. Die Angst vor dem Fremden bleibt sprachlos und aggressiv, wird in Witzen und Unterstellungen oberflächlich abgehandelt.
Gemeinsame Eigenschaften aller Tabus: Es fehlt die Sprache, sie wirklich treffend anzupacken, gleichzeitig liegt eine Geschwätzigkeit der Ablenkung darüber. Paulo Freire verwendet die Begriffe 'Mythos' und 'Kultur des Schweigens': Wir haben immer gute Gründe, nicht darüber zu reden. Wenn wir es trotzdem wollen, geht es nicht: Wir kommen vom Thema ab, werden unruhig, müssen rauchen... Wenn wir plötzlich müde werden, gähnen, Kopfschmerzen bekommen - und auf einmal gar nicht mehr wissen, was wir gerade wollten: dann haben sie gut gearbeitet, unsere Polizisten im Kopf.
Es ist gut, viel über sie zu wissen, aber es ist so unsinnig wie bewaffneter Kampf gegen Panzerwagen, wie Militär gegen Terrorismus, mit Gewalt gegen sie losziehen zu wollen. Weil sie von unserer eigenen Angst genährt sind, können wir sie nur sanft und nach ihren eigenen Prinzipien, mit gewaltfreier Methodik und Intelligenz, überlisten.
Bürger beobachten ihre Polizei: Frauen und Männer haben verschieden arbeitende PolizistInnen im Kopf, eine Frauengruppe kommt zuerst einmal tiefer an die persönlichen Themen, aber um so klarer ist dann auch da wieder plötzlich Schluß. Verschiedene Gesellschaftsschichten lernen jeweils eigene Taburahmen, so daß sich gemischte Gruppen helfen könnten... Aber wir haben für jedes Thema unsere ähnlichen Verläufe vorgezeichnet: vermeiden, verkomplizieren, für aussichtslos erklären, anderen die Schuld zuweisen, es durch Erfahrung als naturgegeben hinstellen, ablenken.
Die Palette unserer polizeilichen Eingriffe geht dann von den Umleitungen der Gedanken über die Aufforderung zur Versammlungsauflösung zu den härteren Maßnahmen: Kopfschmerzen, Anspannungen und Krampfungen im Körper, Erkältungen, Migräne etc. bis an die kräftigen Charakterpanzerungen unserer Muskulatur, wie sie Wilhelm Reich im Einzelnen beschrieben hat, wie sie in der Gestalttherapie von innen gelöst werden.
Und damit in die Theaterarbeit?
Zu diesen Themengruppen wird Theater immer interessant und gerät nicht zur leeren Unterhaltung, die diesen heißen Fragen ausweichen will. Kleingruppen können dazu kurze Szenen oder Statuen entwickeln, die dann im Plenum gemeinsam bearbeitet werden:
1) Ein junger Mann verabschiedet an der Bushaltestelle seine Freundin, trifft dabei eine alte Freundin, sie freuen sich, sich nach langer Zeit wiederzusehen. In einer zweiten Szene sitzt er mit seiner Freundin beim Abendbrot und druckst herum: Daß er die andere wieder getroffen habe, bei ihr zum Abendessen war, dann noch geblieben war, weil sie so viel zu erzählen hatten... Natürlich habe er bei ihr dann übernachtet, natürlich haben sie miteinander geschlafen...(Ende)
2) Ein Student wird von seinen Eltern mit Zuwendungen "in bar" gezwungen, regelmäßig nach Hause zu kommen und ihre Ermahnungen über sich ergehen zu lassen. Die Szene zeigt die monatliche freundliche Geldüberreichung. Eine Steigerung kurz vor der Silberhochzeit der Eltern: Er kommt mit neuem Haarschnitt (kurz, nur eine kleine Locke) nach Hause. Seine Mutter: "Wie kannst du uns das antun..." Er hat seitdem Magenschmerzen.
3) Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb, jeder esse, was er kann... Eine Gruppe von 5 Personen sitzt um einen gedeckten Tisch, sie halten sich die Hände zum kindlichen 'Tischgebet', sind aber in ihren Minen gar nicht lieb: gelangweilt, müde, abweisend... Für die Seminargruppe war das ein sofort klares Bild: das Ritual wurde einiger Kinder wegen eingeführt und mußte von allen mit gemischten Gefühlen mitgespielt werden. Thema dahinter: was wäre ein angemessenes Tischgebet/Essensritual?
4) Eine junge Frau stellt die Trauergemeinde um ein Grab und sich selbst in den Hintergrund. Ihr Freund war beim Motorradunfall gestorben, seine Familile hat sie nicht richtig gekannt, sie ist mit ihrer Trauer alleine.
5) Ein Ausländer sucht eine Wohnung; bei den Besichtigungsterminen fällt er immer aus der engeren Wahl, sobald die Hausverwalter merken, daß er nicht-deutsch ist.
Die Weiterarbeit an den Szenen orientiert sich an den Inhalten oder den Darstellungsformen: Aus den Statuen und Bildern können wir mit Gegenbildern, Folgebildern, Vor-Bildern oder anderen Umgangsweisen klarere Verläufe zeigen: Die TeilnehmerInnen äußern ihre Assoziationen, legen den Figuren Sätze 'in den Mund', stellen offene Fragen. In einer Folge von Bildern können Teilnehmende auch versuchen, den 'Fall' zu klären, Verhaltensweisen zu entschlüsseln. In Zeitlupe oder im Zeitraffer kann ein Verlauf in seiner Struktur verdeutlicht werden.
FORUMTHEATER stellt das gespielte Kurz-Stück mit Hilfe einer Spielleitung dem Publikum vor und fordert es auf, die unterdrückte Figur zu ersetzen, die Rolle aber möglichst genau aufzunehmen, in der entscheidenden Situation aber dann gegen die Unterdrückung anzusprechen. Wenn ein Publikum nicht nach dem ersten/ zweiten Vorspiel reagiert, bekommt es nocheinmal - in verkürzter und vereinfachter Version - das Hauptthema vorgespielt (notfalls mehrmals). Die Aufgabe des Jokers ist das Gespräch mit dem Publikum, in den Fragen nach Kernthemen, Lösungswegen und Verständlichkeit des Problems, bis er /sie den Eindruck hat, das Thema ist genügend präsent und erschlossen.
DER POLIZIST IM KOPF ist eine Reihe von Methoden, die ähnlich dem Forumtheater auf die Suche nach den Kernen der Unterdrückung geht und in der jeweiligen Situation die persönlichen Anteile und die gesellschaftlichen Bedingungen zu trennen versucht. Voraussetzung ist dabei die Eröffnung des gemeinsamen Spielfeldes, auch der Sprache, um tabuisierte Themen von den persönlichen Grenzen zu lösen und sie der Gruppe als gemeinsame Aufgabe zur Verfügung zu stellen.
Der REGENBOGEN DER WÜNSCHE versucht, unsere verschiedenen Gefühlsanteile in einer Spielhaltung auseinanderzulegen und als Kombination verschiedener eigener Antriebe nebeneinander und gleichzeitig zu begreifen. Er kann bei etwas Zeit und Ruhe klären, welche gegensätzlichen Mischungen unser Verhalten beeinflussen und unsicher, undeutlich und mißverständlich werden lassen.
Beide Methoden (Polizist und Regenbogen) gehen an die Tabuthemen, um den gesellschaftlichen Verdrängungsmechanismus aufzudecken und zu zeigen, wie mit dem Verschweigesystem Unterdrückung institutionalisiert wird.
Vier andere Methoden möchte ich nur kurz anreißen:
- MÄRCHEN UND SYMBOLGESCHICHTEN helfen uns, in üblicher Verpackung und Zeichensprache über heiße Themen zu arbeiten. Mythen und Mythologien stehen als Schlüssel zu bestimmten Fragen (Religion, Sexualität...) zur Verfügung. Werden sie wie heilige Kühe behandelt, wirken sie verdummend, werden sie ins Spiel gebracht, können sie hilfreich sein.
- NARR UND CLOWN sind die verzauberten Dummen der Wahrheit. Sie haben besondere Rechte, weil sie weniger 'ernst' genommen werden, sich selbst weiter an tiefe Themen wagen, weniger Ehrfurcht haben und die richtigen dummen Fragen stellen.
- ABSURDES gibt vor allem aus der Literatur die Möglichkeit, ungewöhnliche Worte, Themen, Sätze zu kombinieren und damit zu neuen Ideen zu kommen. Eine Gefahr dabei ist, daß viele Produkte dieser Arbeitsweise 'schön' sind und in ihrer Befremdlichkeit stehenbleiben, ohne zu Konsequenzen zu führen.
- VERFREMDUNG ist z.B. die Verlagerung eines Verlaufs in eine andere Umwelt/Schicht/Zeit... oder eine ähnliche Versetzung eines erkannten Zusammenhangs. Rituale, die wir in einem bestimmten Kontext entwickeln, sind vielleicht in anderer Umgebung unsinnig, menschenfeindlich oder unzeitgemäß. In verfremdeter Darstellung können solche Riten und Gewohnheiten zerlegt werden. Aus den dahinterliegenden Bedürfnissen sollten dann neue Regeln für den gemeinsamen Umgang mit schwierigen Themen gefunden werden.
Für größere, öffentliche Auftritte, habe ich vier Formen parat, die ich mit Beispielen kurz vorstellen will:
BAUERNTHEATER entwickelt sich mit Landjugendgruppen fast selbständig, wenn sie ihre Bezüge und heißen Themen in Statuen- und Forumtheater vorstellen und kombinieren. Mutter steht am Herd und legt Knödel ein, Tochter kommt von der Kirche heim und erzählt, daß sie ihren Freund Franz - Student und bei den Grünen - vorstellen will, der Vater ist noch am CSU-Stammtisch, Großmutter redet schon vom Heiraten, dann kommt...
MODELL LINDENSTRASSE entstand mit braven Kirchenjugendlichen, die im Original nicht richtig loslegen wollten. Indem ihnen eine sehr gegensätzliche Rolle (Porsche-Angeber, etwas leichte Mädchen, Alkoholiker, Fiesling, schüchterne E.) mit den Feinheiten: Name, Familienherkunft, Alter, innere Einstellung, Beruf, Lebenssituation -... als vollständige Rolle vorgegeben wurde (oder mit eineR PartnerIn entwickelt werden konnte), kann die Gruppe im Nu jeden aktuellen Impuls aufgreifen und zu jedem Thema aus diesen Rollen improvisieren (Abtreibung, DDR, EG, Asyl...). Als "Jugendgruppe St. Anton" spielen sie seitdem regelmäßig in verschiedenen eigenen Veranstaltungen.
VOLKSTHEATER ist in der Anlage dem Bauerntheater ähnlich, geht für mich aber auch in andere Zeiten und andere Schichten: Ob geschichtliches, herrschaftliches, proletarisches, hat Volkstheater schon immer die Aufgabe und den Reiz der heißen Themen gekannt, bevor es für die reine Unterhaltung als dümmlich-witziges Spielen kastriert wurde. In Italienisch auch: Die Commedia de'll Arte.
STRASSENAKTIONEN haben den Anspruch, ein Thema "richtig rüberzubringen". Das Problem der Rüstungsexporte führte auf dem Katholikentag Aachen 88 zu einer "Wallfahrt der Rüstungsindustrie" für mehr Kriege und Spannungsfelder, in der ein riesiges goldenes Kalb verehrt und mit Musik und Litaneien (Money makes the world go around) durch die Menge der staunenden Gläubigen zog.
Die erste Aufgabe der Theater- und Schauspielausbildung ist WAHRNEHMUNG ÜBEN. Dazu gehört, genauer zu schauen, wo man annimmt, schon zu wissen; genauer zu hören, zu spüren, weiter zu forschen. Dazu gehört auch, die gelernten Konventionen zu verlassen und nach den Grenzen als Aufgabe zu schauen. Die auftretenden Irritationen sind nicht immer leicht auszuhalten, darum ist sicher eine Gruppe oder ein Projekt nötig, nicht selbst irre zu werden, sondern den Irrsinn unserer Gesellschaft klar zu erkennen. Mit den Stufen des BEGREIFENS, WAS IST beginnt die Grundlage für BEWUSSTSEIN BILDEN als Weg zu VERÄNDERUNG LERNEN.
BEGREIFEN, WAS IST heißt in unserer Arbeit, das Wahrgenommene in die eigene Lebenssicht einzuordnen und die Schnittstellen zur Sicht anderer Personen und zu ihren Mythen und Ideologien abzugrenzen. Es heißt auch, das eigene Bild der Anderen zu untersuchen, wobei uns das UNSICHTBARE THEATER behilflich sein kann. Wir schätzen Reaktionen eines Publikums ein, das nicht von unsererem Theaterspiel weiß, und erleben dann seine wirkliche Art, uns zu antworten. Unsichtbares Theater ist dazu wichtig, wenn wir Themen der Unterdrückung aufgreifen, die bei uns hierzulande viel tiefer im Psychologischen als im Militärischen angesiedelt sind und natürlich entsprechend tabu. BEWUSSTSEIN BILDEN ist für mich der ständig wache Anspruch, auf mich einwirkende Impulse in meine Lebenssicht einzuordnen und meine Art des Umgangs damit auch im Blick zu behalten. Dazu gehört selbstverständlich vom kleinen Zusammenhang von Haushalt und Ökologie bis zu internationalen Themen und Weltordnungsansprüchen die gesamte Spanne von Zusammenhängen und Themen. Die Bescheidenheit der eigenen Ansprüche kommt beim Versuch VERÄNDERUNG LERNEN bald dazu: Wenn ich mein eigenes Verhalten, meine Stimmungen und meine Muster kenne (und mit Hilfe anderer genauer kennenlerne), kann ich die ersten Schritte meiner Veränderungen erlernen.
Ein schönes Modell in diesem Bereich ist die Arbeit von Moshe Feldenkrais: Bewußtsein durch Bewegung, die für mich durchaus schnell in die politische Situation und Arbeit zu übersetzen ist: Je genauer ich meine eigenen Verhaltensweisen kenne und je genauer ich die Situation anderer einschätzen kann, umso genauer kann ich auch meine politische Tätigkeit ansiedeln, um von meiner Veränderung zur Änderungshilfe für andere zu kommen. Das ist für mich die Grundlage, BEFREIUNG zu ERMÖGLICHEN, sowohl für mich, uns, als auch für andere. Befreit werden müssen dabei nicht nur Unterdrückte, um zu gerechten Lebenschancen zu kommen; befreit werden müssen vor allem auch Unterdrückte, um aus phantasielosem Konsum zu einem freieren solidarischen Leben zu gelangen. Servus
Als RTF-/ Word-formatierter Artikel für Seminarteilnehmende in der Mailing-Gruppe http://de.groups.yahoo.com/group/forum-theater
Weiterführende Literatur: mehr und auch Termine wie fachliche Mailing-Gruppen im Internet auf [[|http://forumtheater.wikispaces.com]]
Zur Pädagogik der Unterdrückten
Paulo Freire: Pädagogik der Unterdrückten FISCHER TB
Heinz Schulze: Befreiung und Menschlichkeit, Texte zu Paulo Freire, AG SPAK München 1991
Zum Theater der Unterdrückten
Augusto Boal: Theater der Unterdrückten, SUHRKAMP Neue Folge 361, Frankfurt 1989
Augusto Boal: Der Regenbogen der Wünsche, Methoden aus Theater und Therapie, Kallmeyer
Fritz Letsch: Theater macht Politik, Die Methoden des Theater der Unterdrückten in der Bildungsarbeit, Gautinger Protokolle im Institut für Jugendarbeit des BJR, Germeringerstr. 30, 82131 Gauting jetzt bei http://www.agspak-buecher.de