Rundbrief Bürgerbeteiligung II/1999

Legislatives Theater in Deutschland? Von Fritz Letsch, München


Kurze Einführung in die Methodik
Augusto Boal entwickelte in den siebziger Jahren die Grundlagen des Theaters der Unterdrückten, die wichtigste Methode darin ist das Forum-Theater, in dem das Publikum unter Anregung durch einen Joker die Szenen der Spielenden verändern kann. Damit hat Boal aus der Not der politischen Verfolgung in Brasilien die Tugend der Beteiligung geschaffen, wie sie Brecht in seinen Theater- und Rundfunk-Modellen vorgeschwebt hatte.

1992 bis 1996 war Boal aus der dortigen Theaterarbeit zum Stadtrat von Rio de Janeiro geworden und brachte mit seinen Mitarbeitenden 19 ständige Gruppen zu Themen und aus Stadtvierteln dazu, ihre politischen Anliegen in Szenen zu fassen und mit den Veränderungsvorschlägen aus dem Publikum auch als Gesetzesvorlagen einzubringen.

Von den über 50 Vorlagen wurden 13 sofort zu Gesetzen und Verordnungen, zwischen behindertenfreundlicher Strassen- und U-Bahn-Gestaltung, in der Ökologie, Geriatrie und Diskriminierung, bis zum Zeugenschutz nach Morden, die in die Staatsgesetze weiterwirkten.
Ausführlicher dazu auf der Homepage oder im Buch »Legislative Theatre« (in English) bei Routledge, London 1998

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Spannungsfelder politischer Beteiligung
Im Oktober 1997 hatten wir in München den ersten europäischen Versuch bei einem KollegInnentreffen mit den Methoden in München gemacht und zuerst noch symbolische Gesetzesvorschläge im Rathaus präsentiert.
Deutlich wurde schon in dieser Lernsituation, was sich in weiteren Projekt-Versuchen bestätigte: Die einen glauben nicht an die Kraft guter Szenen, die anderen nicht an den Dialog, die meisten nicht an die Durchsetzung politischer Ideen im gesetzlichen Rahmen.

In all den Erörterungen der Politikverdrossenheit wurde die Starrheit unseres Parteiensystems als Besitzer der politischen Macht (und Stellvertreter der finanziellen Macht) selten so deutlich, wie sie aus der Utopie- und Hoffnungslosigkeit vieler Teilnehmender spricht:

Wo die einen mit Moral kämpfen wollen, die allerdings nicht die unseres Systems ist (was den Dialog wieder unmöglich macht), geben die anderen sich selbst zu wenig Gewicht und Klarheit, die Gestaltung der Gemeinde und des Staates in die Hand zu nehmen. Zu sehr haben wir uns, auch zuletzt noch durch grüne PolitikerInnen, das Denken von Stellvertretern abnehmen lassen.

In der Arbeit mit politisch Engagierten stellte sich wiederum heraus, daß in der eigenen Fanatisierung die Bereitschaft zum wirklichen Dialog mit dem Publikum auf der Strecke bleibt: Wir sind Auseinandersetzungen auf gleicher Ebene einfach nicht gewöhnt, lernen in allen Schul- und Arbeitsverhältnissen »gefälschte Dialoge«: Macht-Ausübung und Anpassung.

Zwischen Methode und Anwendung: Gruppen?
Ein zusätzliches Problem der Umsetzung des legislativen Theaters in unserer Kultur ist das Fehlen arbeitsfähiger Gruppen, die sowohl in die Ebene der Szenen-Entwicklung als auch in den Dialog mit ihren Mitmenschen und die Konfrontation mit den Ebenen der Verwaltung und der Macht gehen können und wollen.

Die breite Zusammenstellung von Bürgerinitiativen aus verschiedenen Schichten und Altersgruppen ist zur Seltenheit geworden, die Bereitschaft, ein Thema über längere Zeit zu bearbeiten, ist oft zur Professionalität geronnen, die dann zu wenig »Humor« mitbringt, die Anliegen auch mit den Methoden des Theaters zu vermitteln.

Dazu ist der Beruf des Jokers nicht sehr leicht zu lernen: Zwischen den Aufgaben, einer Theaterszene durch geeignete Probentechniken zu einer guten Dramatik und den Spielenden zu spannenden Rollen zu verhelfen, und dem offenen Dialog mit dem Publikum bis zur planmässigen politischen Durchsetzung eines Themas liegen zwei bis drei Berufe: Theaterpädagogik, Politik und Moderation, die auch noch wirtschaftlich abgestimmt werden müssen.

mit alten Adressen auf http://www.mitarbeit.de/rund_99ii_13.html